Clicky
Februar 28, 2025

Die Škoda-Stadt: Ein Ausflug nach Mladá Boleslav

Egal wo du wohnst, ein Stück Tschechien begegnet dir fast täglich: Škoda ist eine der erfolgreichsten ausländischen Automarken hierzulande. Und Mladá Boleslav, wo die Firma ihren Sitz hat, beeindruckt mit einem schönen Marktplatz und toller Architektur. Wegen der war sogar James Bond hier!

Ein Blick auf den hinteren Teil eines Skoda im Automuseum in Mlada Boleslav.
Welcher Typ hat dieses wunderbare Hinterteil ;-)? Als Škodafan kann man sich kaum sattsehen an den heißen Schlitten aus alten Zeiten ...

Was schätzt du, wie viele Škodas sind in Deutschland zugelassen? In meiner Stadt Leipzig ist gefühlt jedes vierte oder fünfte Gefährt eins dieser Marke. Insgesamt sind es derzeit 2,65 Millionen! Ende 2024 hat Škoda seinen bisher höchsten Marktanteil in Deutschland erreicht - 7.4 Prozent -, und es ist mit Abstand die am stärksten wachsende Automarke. All die Octavias, Karoqs oder Fabias auf unseren Straßen zeigen: Die Autobauer in Mladá Boleslav machen vieles richtig.

Im Osten schon lange beliebt

Für uns Ossis ist’s ja eine altbekannte Marke. In der DDR zählte ein Škoda zu den „besseren“ Autos, rangierte auf der Gefühlsskala zwischen Saporoshez (na gut, es fährt) und Lada (Leistung und Luxus pur!) so ungefähr im oberen Mittelfeld.

Während Trabi und Wartburg jahraus, jahrein den gleichen Look trugen, vollzogen die sozialistischen Autobauer der CSSR ja schon fast hektische Modellwechsel. Und noch eins zeichnete Škoda schon zu Ostblock-Zeiten aus: Das ansprechende Design! Böse Zungen redeten trotzdem vom böhmisch-mährischen Schnellroster.

Ein grüner Skoda 110 R Coupe steht auf einer Rampe im Museum.
Das wohl schönste Auto, was im Sozialismus je gab: Der Škoda 110 R Coupé wurde ab 1970 gebaut.

Und Mladá Boleslav, wo Škoda zu Hause ist? Lohnt sich ein Abstecher in den Ort? Definitiv ja! Zum einen gibt es dort das große Škoda-Museum – doch auch die Stadt selbst ist hübsch.

Auslöser für Škoda: Ein schlecht gefertigtes Fahrrad

Škoda ist einer der ältesten Autohersteller der Welt, Gründungsjahr: 1895. Damals wie heute saß man in Mladá Boleslav, dem damaligen Jungbunzlau.

Alles begann damit, dass die Sachsen Murks lieferten: Der junge Václav Klement ärgerte sich damals mächtig über sein neu gekauftes Fahrrad von der Dresdner Firma Seidel und Naumann (die späteren Schreibmaschinenwerke, die auch die „Erika“ herstellten). Und vor allem darüber, wie hochnäsig seine Beschwerde abgebügelt wurde.

Diese Geschichte und wie Klement und sein Freund Václav Laurin ins Automobilbusiness einstiegen, erlebst du im Škoda-Museum (Adresse: Třida Václava Klementa 294, 293 01 Mladá Boleslav 1). Das liegt in Zentrumsnähe, gleich neben dem Bahnhof Boleslav Mesto.

Anhand vieler Dokumente, Fotos, alter Werbeanzeigen und Autozubehör wird sehr liebevoll und anschaulich die Firmenhistorie erzählt. Displays in tschechisch, deutsch und englisch erklären die Story von „Laurin & Klement“, wie ihre Firma zu Beginn hieß. Die beiden wären mit ihrer Innovationskraft und ihren unkonventionellen Ideen auch bei Werbung und Vertrieb noch heute Topkandidaten für jeden Autokonzern.

Was im Museum noch zu sehen ist

Ältestes der etwa 340 Exponate in der Dauerausstellung: Das Erstlingswerk von Laurin & Klement, das Fahrrad „Slavia“ von 1899 – das aus Unzufriedenheit über den sächsischen Murks entstand.

In einem Extraraum können Besucher anhand halb zusammengebauter Karossen die verschiedenen Fertigungsstufen von Autos nachvollziehen – ein spannender Blick in die Industriegeschichte, sicher nicht nur für Autofans. Das Museum selbst ist übrigens in den Fertigungshallen, in denen bis 1928 die Mobile gebaut wurden.

Beim Betrachten der vielen alten und neuen Wagen wirst du sehen, dass Škoda eine enorm breite Autopalette besaß und besitzt. Und dass die tschechischen Ingenieure kühne Visionen hatten. Schau dir nur mal den Škoda 935 Dynamic an! Würdest du denken, dass dieses Auto von 1935 stammt? Mit seinen Stromlinienformen und dem dynamischen Heck wirkt es eher wie ein US-Mobil aus den 1950ern.

So kommst du in die Altstadt

Vom Škoda-Museum aus ist es ein kleiner Fußmarsch in die Altstadt. Du läufst etwa 700-800 Meter die Hauptstraße entlang, die Klementa, Richtung Süden über einen Kreisverkehr in die náměstí Míru. Kurz darauf geht an einer Gabelung links die Železná ab. Hier siehst du bereits die Kirche des Heiligen Nepomuk.

Es beginnen kleine Gassen, und Mladá Boleslav wirkt langsam etwas charmanter als rund um das Skoda-Museum. In der Železná bummelst du an kleinen Läden vorbei, und nach einigen Gabelungen mündet die schmale Straße schlussendlich auf einen breiten Platz, den Staroměstské námesti (Altstädter Platz). Du siehst schon den Turm des herrlichen Renaissance-Rathauses und die typischen bunten Niedriggeschosser, die so viele tschechische Marktplätze umranden.

Das alte Jungbunzlau

Das Renaissance-Rathaus auf dem Alstädter Platz in Mladá Boleslav.
Der Altstädter Platz mit dem schmucken Rathaus.

Hier gibt es erstmal genug zu schauen: Das Rathaus aus den 1550er Jahren mit seiner prächtigen Sgraffito-Fassade, die biblische und antike Motive trägt – und von dessen Turm du auf die Stadt schauen kannst. Die Jizera-Fontänen (so heißt auch der Fluss, der die Stadt durchquert) davor mit den Kinderfiguren. Dazu Metallskulpturen in organischen Formen, viele wirken wie gestutzte Bäume. Kleine Cafés und Lädchen, in der Mitte des Platzes eine Marienstatue.

Mladá Boleslav zeigt sich hier hier heiter, gelassen und doch dynamisch und spielt seinen Kleinstadtcharme voll aus. Der Altstädter Platz wurde erst vor wenigen Jahren neu gestaltet, Modernes und Historisches kommt hier sehr angenehm zusammen. Vielleicht fällt dir unweit des Rathauses eine eigenartige, begrünte Wölbung mit halbkugelförmigen Lampen auf. Darunter liegt ein Parkhaus - und das Areal darüber ist wie ein kleiner Park gestaltet.

Läufst du zum Ende des schmaler werdenden Platzes, kommt irgendwann rechterhand der Hinweis zum „Templ“: Das Stadtpalais ist eines der ältesten Gebäude der Stadt und beherbergt heute eine archäologische Ausstellung. Falls du Burgenfan bist, kannst du in unweit des Altstädter Platzes eine Burg aus dem 14.Jahrhundert entdecken. In ihr waren hier im 2.Weltkrieg Juden interniert. Heute sind das Stadtmuseum und das Archiv hier zu Hause.

Unbedingt noch ansehen, 007 war schon hier!

Die Industrieschule und das Stadttheater sind zwei Dinge, die du nicht verpassen solltst – hier hat sich sogar James Bond alias Daniel Craig mal sehen lassen!

Ein Theatergebäude aus der Zeit des Jugendstils.
Das Theater von Mladá Boleslav.

Das auffällige Theatergebäude in der Palackého 263 ist ein Fest fürs Auge. Am Park Výstaviště gelegen, entstand das Bühnenhaus zwischen 1906 und 1909 im Jugendstil. Über dem Eingang eine Art Baldachin-Dach, an dessen Rand prunkige Metallampen. An der reich verzierten Fassade Theatermasken, Malereien und noch viele weitere Details: Sowas in der böhmischen Provinz, das überrascht. Und zeigt: Man konnte sich damals als Industriestadt offenbar etwas leisten.

Den Kulturtempel gestaltet haben die Wiener Architekten Hermann Hellmer und Ferdinand Fellner, die zwischen 1870 und 1913 ganze 48 (!) Theater in verschiedenen Städten Deutschlands und des k.u.k.-Reiches bauten. Es ist also eine Fließband-Schönheit. Dennoch hat der Bau sogar die „James Bond“-Macher beeindruckt: In einer Szene in „Casino Royale“ rollt Daniel Craig mit Filmpartnerin im Auto am Theater vorbei (hier zu sehen ab Sekunde 0:40).

Nicht nur Vorbeigehen oder -fahren lohnt, auch Reinschauen. Zum einen ist das Interieur plüschig-schön, zum anderen haben hier schon viele später auch national bekannte Theaterschauspieler ihre Karriere begonnen.

Das einst größte öffentliche Gebäude im Lande

Der zweite Bau, der dich überraschen könnte, ist die Industrieschule (Střední průmyslova škola) in der Havlíčkova 456. Architekt Jiří Kroha schuf diesen Komplex in den Jahren von 1923 bis 1927.

Seinerzeit war es das größte – und teuerste – öffentliche Gebäude in dem noch jungen Staat. Es wirkt noch heute imposant, und die Formen erinnern ein wenig an Bauhaus. Generationen von Maschinenbauern und Technikern für die Automobil- und Luftfahrtindustrie sind hier ein- und ausgegangen. Inzwischen wird hier auch Informatik unterrichtet, und das Gebäude genießt inzwischen den Status als Kulturdenkmal.

Zum Essen in ein geschichtsbegeistertes Lokal

Und wenn du jetzt hungrig bist, dann geh ins "U Hymrů"! Es liegt direkt an der Ecke von Klaudiánova und Lukášova - und ist ein Geschichtskabinett voller Andenken an die k.u.k-Zeit. In der Fotogalerie siehst du, dass sich hier offenbar auch Militaria- und Traditionsfans zusammenfinden.

Das Lokal, was es seit 1875 gibt, hat an seinen Wänden alte Gewehre, originale Uniformen aus der österreichisch-ungarischen Armee, den Hymnentext auf den Kaiser Franz Josef. Dazu traditionelle tschechische Küche, die schnell und freundlich serviert wird.

Was gibt es noch zu sehen?

Wenn du jetzt noch Zeit hast, dann schau mal in das Luftfahrtmuseum in Mladá Boleslav. Unser Tagesausflug war dafür zu kurz - aber im Netz wird das Museum sehr empfohlen. Es gibt zudem einen jüdischen Friedhof. Um die Stadt zu erkunden, kannst du auch der "Metallroute" folgen, die auf sieben Kilometern an wichtigen Orten vorbeiführt - und mit Metallplastiken auf die Sehenswürdigkeiten hinweist. Es gibt also allerhand zu entdecken in der Škoda-Stadt!


Wie kommst du hin?

Nach Mladá Boleslav kommst du am besten von Dresden aus mit dem Zug, die kürzesten Verbindungen dauern etwa 3 Stunden. Dabei musst du stets auch umsteigen. Du kannst auch mit einem trilex-Tagesticket oder einem Euro-Neiße-Ticket hinfahren.